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Mensch und Markt — Kapitalismus aus einer psychologischen Perspektive

Mittwoch, 16. April 2008 18:06

mal wieder ein Doppel-Post mit dem Zunehmenden Grenznutzen – Ein Besuch lohnt sich ;-)

Abstract: Der folgende Artikel geht zunächst auf die emotionale Anziehungskraft und Eleganz marktwirtschaftlicher Theorien ein. Es wird die These aufgestellt, dass unsere heutige Gesellschaft dennoch weniger freien Markt braucht. Eine geplante Beitragsreihe wird kurz vorgestellt, die diese These erläutern wird. In diesem ersten Beitrag wird entsprechend ausgeführt, dass im komplexer werdenden freien Markt die Konsumenten wachsende Kosten der Informationsbeschaffung zu tragen haben, dennoch strukturell oft nicht das bekommen können, was ihren Bedürfnisse entspräche, und ihre Bedürfnisse künstlich verändert werden.

Ich denke (und hoffe!) jede Studentin und jeder Student, der oder die sich mit den Wirtschaftswissenschaften befasst, kennt den eigentümlichen Zauber, der von Markttheorien ausgeht. Es ist die einzige mir bekannte sozialwissenschaftliche Theorieschule, die es an Eleganz mit physikalischen Formeln aufnehmen kann. Nur wenige Prämissen über den Menschen sind nötig, und es lässt sich ein System entwerfen, in dem aus dem egoistischen Streben jedes Einzelnen das größte Wohl für alle hervorgeht.

Natürlich, diese Prämissen zu akzeptieren verlangt oft, beide Augen fest zuzudrücken, sich weit von der eigenen Erfahrung zu entfernen. Allerdings lehrt uns die VWL-nahe Wissenschaftstheorie: Auch eine Theorie mit fehlerhaften Prämissen kann gut sein, wenn sie gute Vorhersagen macht. Nachdem die marktwirtschaftlichen Theorien sich diesbezüglich in vielen Bereichen ja gut schlagen, bleibt nur eine gewisse Verwunderung (oder Trauer), dass die politischen Maßnahmen, die sich aus ihnen ableiten lassen, bei Politiker und Wählern wenig Gegenliebe finden und nie in der Reinheit und Konsequenz, die ein Wirtschaftswissenschaftler richtig fände, umgesetzt werden.

Diese fehlende Umsetzung ist vielleicht aber auch ein Glück für die Markttheorien: sie erspart ihnen die entscheidende Bewährungsprobe. Denn ich bin überzeugt, dass sie an dieser Bewährung scheitern würden — weil ihre Annahmen über die Natur des Menschen, aus dem sich das wirtschaftliche System aufbaut, grob fehlerhaft sind, und diese Fehler nicht nur zu geringfügigen Unregelmäßigkeiten führen, wie sie allgemein anerkannt sind, sondern dem System eine ganz andere Dynamik und Richtung geben.

Und ich bin überzeugt, dass diese Mängel mit zunehmender Komplexität und Differenziertheit stärker ins Gewicht fallen. Woraus ich folgere, dass wir nicht nur davon absehen sollten, unser Wirtschaftssystem weiter an eine ideale Marktwirtschaft anzunähern, sondern in vielen Bereichen einen entgegengesetzten Weg beschreiten sollten.

Mehr Markt, mehr Konkurrenz, mehr Kapitalismus bedeuten für die heutige Welt schärfere soziale Ungleichheit, Stress und Leistungsdruck für den Einzelnen, ein Abschwächen von sozialem Verhalten und Verstärken von Egoismus. Produktion und Konsum entfernen sich immer weiter von den eigentlichen Bedürfnissen der Menschen und das politische System wird zunehmend von Akteuren der ökonomischen Sphäre beeinflusst, was es etwa erschwert, Ökologie und Klimaschutz im nötigen Maße voranzutreiben.

Diese Thesen werde ich in diesem und einer kleinen Reihe weitere Beiträge zu belegen versuchen, indem ich die Psychologie des Marktes aus verschiedenen Perspektiven beleuchte: Zunächst die psychologischen Eigenschaften des Menschen in seiner Rolle als Konsument, und die Folgen daraus für die Marktwirtschaft. Dann (in späteren Beiträgen) die „Psyche der Unternehmung“ bzw. des Menschen in seiner Rolle als Arbeiter, Angestellter, Manager, Unternehmer, weiterhin die „Eigendynamik des Eigennutzes“ bzw. die Folgen der Marktwirtschaft für den Menschen als soziales Wesen, und schließlich die Verflechtung von Wirtschaft und Politik.

Doch hiermit genug der Vorrede und auf ins erste Kapitel:

[…]

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Regierungsaufgaben oder auch nicht

Donnerstag, 27. März 2008 2:03

Mit mehreren größeren Beiträgen in Aussicht, die einfach nicht ganz fertig werden wollen (ach, Semesterferien können so hektisch sein, ich hoffe das Semester wird ruhiger :-/ ) hier nur mal wieder ein kleines Aperçu zwischendurch: Ein Zitat aus dem Präsidentschaftswahlkampf:

It is not the duty of government to bail out and reward those who act irresponsibly, whether they are big banks or small borrowers.“ – JOHN MCCAIN

So kann man das natürlich sehen.

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Mutiger Glaube

Dienstag, 25. März 2008 0:17

Aus dem Buch „Tag für Tag zur Mitte finden — ein Lesebuch durch das Jahr“ vom Dalai Lama, in dem ich zu Hause ein wenig geschmökert habe, stammt folgendes Zitat, eine klare und mutige Ansage wie ich finde:

Die menschliche Natur ist dem Wesen nach Gewaltlosigkeit. Solange das fühlende Herz und die Intelligenz des Gehirns nicht auseinander gerissen werden, kann der Mensch seiner Natur gemäß auch gewaltfrei bleiben.

Ein so positives Menschenbild muss man sich erst mal trauen zu haben. Ich denke allerdings, es wirkt sehr im Leben alleine dadurch, dass es so stark formuliert ist.

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Krieg

Sonntag, 27. Januar 2008 15:33

Es scheint die Zeit für eine Art „Nachlese“ des Irak-Kriegs gekommen, die wohl gerne vergessen würde. Immerhin, die NYTimes widmet ihr eine Serie: „about veterans of the wars in Iraq and Afghanistan who have committed killings, or been charged with them, after coming home.“

Es ist eine traurige Tatsache (irgendwie aber auch eine beruhigende, schöne Tatsache), dass im Krieg zu sein, zu kämpfen und zu töten einen Menschen nicht unverändert lässt. Traurig daran ist, dass eine Gesellschaft sich entscheidet, einen Teil ihrer Mitglieder diese Erfahrungen machen zu lassen und dann recht hilflos im Umgang mit den veränderten Heimkehrern ist. Es ist wohl auch nicht leicht:

“He left for Iraq enthusiastic and energetic and eager to serve his country,” wrote one of four mental health professionals, including two government officials, who diagnosed PTSD in Mr. Gregg. He “returned impaired by PTSD complicated by his disillusionment with the military operation in Iraq.” 

When Mr. Gregg’s tour of duty ended in March 2004, he started drinking heavily to ease his stress and expressed the wish that he had died in Iraq.

Nicht zufällig wurde die heute auch außerhalb psychologischer Fachkreise weit bekannte Traumatisierung als Störung erst spät entdeckt: Nach dem Vietnam-Krieg:

It was in 1980, five years after the Vietnam War ended, that the psychiatric establishment first recognized post-traumatic stress disorder. Vietnam veterans quickly summoned it as a primary legal defense. In many cases, the veterans argued that they had been rendered temporarily insane as a result of flashbacks to the war while committing their crimes.

Zusammen mit einem bewegenden Film, in dem die Erlebensseite von Gewalt, und zwar sowohl für Täter als auch für Opfer, sehr plastisch wird („München“ von Steven Spielberg) führen mich diese Berichte von einem „pragmatischen“ Pazifisten wieder mehr in Richtung eines radikalen Pazifismus. Wobei vielleicht genau darin eine wichtige Frage liegt: Was ist in diesem Zusammenhang „pragmatisch“? Ich glaube, Ghandi hat am Ende doch Recht:

Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg.

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Lohnkampf der Tomatenpflücker

Donnerstag, 27. Dezember 2007 17:04

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich im Rahmen von Action 5 mit Handelsbeziehungen der globalisierten Wirtschaft, dort am Beispiel der Textilindustrie.

Angriffspunkt für unsere Aktionen dazu in Freiburg sind Verbraucher und der lokale Einzelhandel. Die Hoffnung ist, dass eine veränderte Nachfrage dieser beiden Gruppen die Zustände in der Herstellung verbessern kann.

Ein aktueller Artikel aus der NYTimes ist deshalb in doppelter Hinsicht interessant: Er beschreibt den Verlauf einer ähnlichen Aktion im ganz großen Stil: Aktionen eines breiten Bündnisses gegen bzw. mit McDonalds, Burger King etc., um bessere Arbeitsbedingungen für Tomatenpflücker zu erreichen.

Darüber hinaus liest sich der Artikel als wundervoller Überblick der verschiedenen Positionen zu liberalen oder regulierten Arbeitsmärkten. Ich zitiere einige interessante Passagen, gewürzt mit meinen Gedanken:

[…]

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Nur der schlechte Markt ist ein guter Markt

Mittwoch, 26. Dezember 2007 23:08

So, die Marktkritik geht weiter. Insgesamt brüte ich da gerade etwas aus, wie erwähnt steht ein Zwischenfazit meiner Kritikpunkte an Kapitalismus und freier Marktwirtschaft an.

Einstweilen aber nochmal ein Essay, das ich auch im Zunehmenden Grenznutzen posten möchte, nach Rücksprache mit Johannes, deshalb etwas verzögert. Möglicherweise wird die Version dort dann noch verbessert sein :-)

Hier aber schon (exklusiver Vorabdruck gewissermaßen) mein abendliches Werk:

Nur der schlechte Markt ist ein guter Markt

Unsere Zeit stellt uns vor eine Reihe von schwierigen Herausforderungen, angefangen von sozialer Ungerechtigkeit in Deutschland und global über ökologische Probleme bis hin zu sinkender subjektiver Lebensqualität trotz steigender Produktion und steigendem Konsum. Besonders aus Richtung der Wirtschaftswissenschaften hört man oft die These, die Probleme seien zu bewältigen, wenn der freie Markt besser funktionieren würde, was heißt: wenn man ihm staatlicherseits weniger Hemmnisse entgegenstellen würde, höchstens an der einen oder anderen Stelle einen Rahmen setzen.

Dem möchte ich provozierend entgegenhalten: Diese Probleme sind bisher nicht so stark aufgetreten, weil der freie Markt zwar existiert, aber nicht perfekt funktioniert hat. Und sie verschärfen sich mit der aktuell eigentlich immer freier werdenden Marktsituation. Dabei habe ich zunächst gar nicht den Staat als „Gegenspieler“ des freien Marktes im Blick, sondern natürliche, psychologische und geographische Markthindernisse. Es ist das verschwinden dieser Markthindernisse, das unsere globale Marktordnung in die genannten Schwierigkeiten hineinmanövriert, nicht das wachsen von Markthindernissen.

Ein perfekter Markt folgt bestimmten Regeln. So finden etwa Produktion und Konsum zu einem Gleichgewicht im Schnittpunkt von Angebots– und Nachfragekurve, der Preis für ein gleichartiges Gut ist überall gleich.

Demgegenüber weicht das Marktgeschehen eines nicht perfekten Marktes von diesen Regeln ab. Etwa weil der konkurrierende Anbieter eines Produktes dieses transportieren muss und damit teurer wird als der lokale Anbieter. Oder weil Konsumenten über ihre rationale Abwägung hinaus „irrationale“ Präferenzen zum Beispiel für einen vertrauten Anbieter haben.

Der mangelhafte Markt lässt also Lücken im regelhaften Systemablauf. Diese Lücken nun sind es, die ich spannend finde. Wir bekommen beigebracht, sie als Fehler und Probleme zu betrachten, der Idee folgend, dass die Marktteilnehmer – Menschen (!) – diese Lücken mit ihrem egoistischen Profit füllen, dass die Lücken somit zum Schaden der meisten Menschen wenige begünstigen. Sicher geschieht das.

Dennoch möchte ich dem entgegenhalten: Diese Lücken sind genau der Spielraum, in dem sich so etwas die ein positiver Unternehmergeist überhaupt entfalten konnte, nach dem heute so oft gerufen wird. Und diese Spielräume sozialer Verantwortung sind es, die das „System Kapitalismus“ so lange „geschmiert“ haben. Sie machten es möglich, dass Arbeitgeber sich über ihren eigenen Nutzen hinaus für ihre Angestellten verantwortlich fühlten. Oder dass sie ein Produkt anboten, das ihren eigenen Idealen von guter Ware entsprach, auch wenn der Kunde nicht in der Lage war, diese Qualität zu schätzen, oder erst nach längerer Zeit.

Wie sieht denn ein perfekter Markt wirklich aus? Er erzeugt einen großen Druck auf die Unternehmer, eliminiert die oben beschriebenen Spielräume. Ein zu teures oder qualitativ mangelhaftes Produkt wird gemieden und verschwindet vom Markt. Produkte werden in genau den Eigenschaften optimiert, auf die Konsumenten beim Kauf achten, andere als „unerwünschte Qualität“ (übrigens tatsächlich ein feststehender Begriff aus der BWL!) fallen gelassen, weil zu teuer.

Und so lange nicht Konsumenten beim Kauf die sozialen Eigenschaften des Unternehmens stark berücksichtigen, fallen unter diese unerwünschten Qualitäten genau die Aktionen sozial verantwortlichen Unternehmertums, nach denen so sehr gerufen wird. Sie kosten nämlich etwas.

Dass die Nachfrage sich in naher Zukunft derartig verändern wird, halte ich für sehr unrealistisch. Zu deutlich sind mir die Anzeichen, dass aus einer diffusen Angst, abgehängt zu werden, jeder einzelne im Gegenteil immer stärker seinen persönlichen Vorteil im Blick hat.

Diese Angst und diesen Egoismus übersetzt ein besserer, „freierer“ freier Markt immer unmittelbarer in die Gestalt des wirtschaftlichen Geschehens. In einem perfekten Markt bekommt man gewissermaßen direkt nach was man fragt. Auch wenn man nach etwas fragt, was sich in größeren Zusammenhängen denkend als ziemlichen Blödsinn erweist.

Was also tun? Die beschriebene Entwicklung des Marktes scheint mir wenig mit politischen Bedingungen zu tun zu haben, eher sich fast naturgesetzartig aus gewachsenen technischen Möglichkeiten unserer Zeit zu ergeben. Im Zusammenspiel vielleicht mit einer Gesellschaft, in der zuerst und zumeist an sich selbst zu denken zunehmend fast als Tugend betrachtet wird.

Dennoch bin ich der Meinung, dass politische Regulierungen eine gewisse Linderung verschaffen können, sie besänftigen ein wenig den Egoismus. Es ist so viel leichter, einen politischen Mehrheitswillen gegen Käfighaltung von Legehennen zu entwickeln als den Willen der selben Menge von Individuen, im Supermarkt die doppelt so teueren „tierfreundlichen“ Eier zu kaufen.

Um am Ende etwas metaphorisch zu werden: Ein freier Markt liefert insgesamt, wonach viele Einzelne fragen. Die Probleme unserer Zeit machen es aber nötig, nach bestimmten Dingen gemeinsam zu fragen. Wie genau? Den Markt mit mehr Gesetzen regulieren? In manchen Bereichen ganz auf Marktmechanismen verzichten? Ich weiß es nicht. Einen Weg zurück in die letzten Jahrzehnte, in denen die Fehler des Marktes sein Funktionieren ermöglicht haben, sehe ich jedenfalls nicht.

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Verbrauchersiegel

Dienstag, 25. Dezember 2007 23:22

Ein grundsätzliches Problem der Marktwirtschaft, in der wir leben, ist eine Asymmetrie der Organisation zwischen Konsument und Produzent. Ich meine damit, dass offensichtlich Firmen immer größer werden, aber Konsumenten weiter eine unwillentliche und unstrukturierte Masse von einzelnen bleiben.

Die Folge ist naheliegend: Im grundsätzlichen Interessenkonflikt zwischen dem Konsumenten, der ein möglichst gutes, seinen Wünschen entsprechendes Produkt zu einem möglichst geringen Preis möchte, und dem Produzenten, der möglichst viel Gewinn, also viel Erlös für wenig Einsatz, haben möchte, in diesem Interessenkonflikt gewinnen die Produzenten an Macht. Können als große Organisationen viel effektiver Informationen verarbeiten und nutzen, gezielt Einfluss auf Politik und öffentliche Meinung nehmen und so weiter. Es fällt einem großen Unternehmen viel leichter, die Zahlungsbereitschaft und psychologischen Schwachstellen, Macken und Bedürfnisse der Konsumenten auszuloten und auszunutzen als umgekehrt dem einzelnen Konsumenten, sich ein genaues Bild von dem zu kaufenden Produkt in seinen Qualitätsmerkmalen und Entstehungsbedingungen zu machen.

Diese Lage ist lustigerweise einer der wenigen Punkte auf meiner Kapitalismus-Kritik-Liste (die in ihrem derzeitigen Stand zu veröffentlichen eines meiner nächsten Projekte ist) den ich für nicht grundsätzlich halte. Der also auch in einer Marktordnung anders sein könnte. Warum das System sich trotzdem so entwickelt hat, wie es heute ist, bleibt eine spannende Frage.

Ebenso spannend ist es, den Erfolg von kleinen Gegenbewegungen zu verfolgen. Von der Idee her fällt hierunter jede Form von Verbraucherorganisation, also etwa Gütesiegel, die dem Konsumenten einen Teil der Aufgabe abnehmen, genau nachzuprüfen ob das erworbene Gut seinen Ansprüchen entspricht.

Erfolgreich scheint in der Hinsicht gerade das Bio-Siegel zu sein, auch wenn sich die Meldungen häufen, dass seine Bestimmungen immer noch leicht zu unterlaufen sind und mit das Siegel durchaus auch Lebensmittel tragen, deren Herstellung dem Geist von „Bio“ widersprechen — etwa wenn massiv mit Kupfer gegen Schädlingsbefall an Obst vorgegangen wird.

Trotzdem besser als Alternativen, etwa das „QS — Qualität und Sicherheit“-Siegel. Dieses Siegel aus dem Lebensmittelbereich steht in der Kritik wegen einem Punkt, der mir besonders am Herzen liegt: Tierschutz. Die PETA hat Photos und Informationen zu den Zuständen in zertifizierten Bauernhöfen (bzw. Agrarfabriken) veröffentlicht. Die Details sind in einem Spiegel-Online-Artikel zu lesen, aus dem ich im Folgenden zitieren möchte, was das Problem des Siegels ist:

[…] gegründet wurde die „QS Qualität und Sicherheit GmbH“ vom Deutschen Raiffeisenverband, dem Deutschen Bauernverband, den Verbänden der deutschen Fleischindustrie, der Handelsvereinigung für Marktwirtschaft und nicht zuletzt von der Centralen Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) — allesamt Vertreter der durchrationalisierten, konventionellen Landwirtschaft.

[…] im Gegensatz etwa zum Bio-Siegel sei QS kein staatliches Prüfzeichen, die Industrie prüfe und verleihe es sich selbst. „Das ist automatisch die Schwäche dieses Siegels, wenn die Produzenten selbst ihre Standards und Kontrollsysteme festlegen“, kritisiert Höhn.

Und das hat Folgen, sowohl was die Kriterien als auch deren Überprüfung angeht. „Die Bauern wollten sich nicht in die Karten sehen lassen und haben deshalb alles blockiert, was eine transparente Herkunftssicherung für den Verbraucher möglich gemacht hätte“, sagt auch ein Landwirtschaftsexperte, der sich jahrelang mit Qualitätssicherungssystemen beschäftigt hat. Außerdem gebe es keine neutralen Zertifizierungsstellen, die Prüfer würden von den Bauern selbst bezahlt. „Scharfe Überprüfungen lohnen sich für die Labore nicht, weil sie dann beim nächsten Mal keine Aufträge mehr bekommen.“ QS dagegen verweist darauf, mit anerkannten Instituten wie etwa dem TÜV zusammenzuarbeiten.

Also: Es handelt sich grundsätzlich nicht um eine Verbraucher-, sondern um eine geschickt getarnte Produzentenorganisation, was schön den von mir anfangs gemachten Punkt der Machtungleichheit illustriert. Und es krankt an der Schwierigkeit, dass der geprüfte für die Prüfung bezahlt, und der Prüfende zwischen den Interessen seines Auftraggebers und des fernen Kunden abwägen muss.

Jenseits von staatlichen Regelungen wie dem Bio-Siegel scheint also noch keine Verbraucherorganisation in Sicht. Ich fände es sehr spannend, ob einer meiner volkswirtschaftlich gebildeten Leser mir das erklären kann.

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Wahlen in Russland

Samstag, 17. November 2007 12:49

Gerade lese ich zu meinem Schrecken im NYTimes-Newsletter, dass die russischen Parlamentswahlen am 2. Dezemeber ohne die Wahlbeobachter der OSZE stattfinden werden. Die Wahlbeobachtungsgruppe hat sich wegen zu starker Einschränkungen der Arbeit zum Rückzug entschlossen. Das ist natürlich ein bisschen politischer Poker. Dennoch: Die ersten russischen Wahlen ohne Wahlbeobachter seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, und voraussichtlich eine überwältigende Mehrheit für Putins Partei.

The group, the Office for Democratic Institutions and Human Rights, or O.D.I.H.R., cited what it called unacceptable Russian demands to limit the mission’s size, making it impossible to determine whether the elections are marred by fraud. It also noted the failure on the part of the Russian authorities to issue visas for its advance team, with only two weeks to go before the vote. The Warsaw-based group said in a statement that Russia had so curtailed its work that it would be “unable to deliver its mandate under these circumstances.”

Beim Wahlbetrug geht es ja nicht nur um verschwundene oder nicht gezählte Wahlzettel (bei der ersten Präsidentenwahl mit George W. Bush). Sondern in Russland vor allem um Versammlungs– und Pressefreiheit für die Oppisition:

The observers evaluate opposition groups’ freedom to assemble, campaign and gain access to news media throughout the former Soviet Union. In Russia, the Organization for Security and Cooperation in Europe, or O.S.C.E., concluded in a statement that “the authorities of the Russian Federation remain unwilling to receive O.D.I.H.R. observers in a timely and cooperative manner.”

Dabei können die Wahlbeobachter durchaus etwas bewirken. Aber vermutlich ist das genau der Grund, warum sie nicht arbeiten dürfen und der Kreml lieber den Rückzug der Beobachter und einen Pauschalverdachtin Kauf nimmt als konkrete Hinweise auf Manipulationen veröffentlicht zu haben

O.S.C.E. statements drawing attention to rigged elections in Georgia, Ukraine and Kyrgyzstan became catalysts for protests that overthrew entrenched autocratic governments in the so-called “color revolutions” of 2003 through 2005. The Kremlin has characterized these movements as a threat to regional stability and its own power.

Trotzdem macht die Entwicklung mir insgesamt ziemlich Angst. Und ich wundere mich über den unproblematischen Umgang unserer Regierungschefs mit Putin.

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Choices are bad

Sonntag, 11. November 2007 22:21

… und andere Weisheiten aus der Welt der Wirtschaftswissenschaften. Nach langer Zeit freue ich mich, mal wieder einen Youtube-Tip bekanntmachen zu können: Principles of economics, translated – ein junger WiWi-Dozent, der die zehn Prinzipien der VWL (die mir selbst aber zugegeben noch nie in der Form begegnet waren) in die Alltagssprache übersetzt. Und dabei nicht versäumt, auch aufzuzeigen wo die ökonomischen Prinzipien aus der Perspektive des Alltagsverstandes entweder absurd oder trivial sind.

Knackig, lustig, teilweise wirklich nachdenkenswert und auf jeden Fall unterhaltend.

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Noch mehr Wasser

Samstag, 10. November 2007 16:41

Jetzt hat mich das Wasser-Heft des Fluters komplett gepackt (siehe auch den letzten Eintrag).

Super spannend sind auch technische Entwicklungen zum Umgang mit Wasser, die dort vorgestellt werden. Etwa eine Trennung und unterschiedliche Aufbereitung der verschiedenen Abwässer im Haus.

Oder ein Strohhalm, der das Wasser filtert und damit ermöglicht, im Notfall auch unreines Wasser zu trinken. „Life Straw“, heißt das Ding. Viele Hilfsorganisationen verwenden ihn schon. Ist mit drei Dollar sogar ziemlich billig, und hält ein Jahr lang. Für die Ärmsten (die ihn am nötigsten bräuchten) natürlich immer noch unbezahlbar.

Sehr spannend auch – allerdings zum selber-nachlesen, ich mag das nicht zusammenfassen – ein Artikel über die Kulturgeschichte des Wassers. Es ist eine erstaunliche Leistung und die Basis unserer gesellschaftlichen Existenz, eine kontinuierliche Versorgung (und vor allem auch Entsorgung) mit Wasser zu bewerkstelligen.

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